Städtische Netzgesellschaften planen Energienetze der Zukunft

Hamburger Konsortium beteiligt sich am länderübergreifenden Verbundvorhaben „Norddeutsches Reallabor“

Hamburg, 16.09.2020

Wie könnten die Leitungsnetze der Stadt Hamburg gestaltet werden, damit sie für die künftigen Anforderungen an die Energieversorgung bestens gerüstet sind? Diese Frage wollen die städtischen Leitungsbetreiber Stromnetz Hamburg, Gasnetz Hamburg und Wärme Hamburg gemeinsam beantworten und haben jetzt, nach intensivem Austausch mit dem Förderträger, einen Antrag auf Förderung im Rahmen des Norddeutschen Reallabors gestellt.

Die Technische Universität Hamburg-Harburg, die Helmut-Schmidt-Universität/Universität der Bundeswehr Hamburg, sowie die Technische Hochschule Lübeck unterstützen das beantragte Teilprojekt Integrierte Netzplanung (iNeP) als wissenschaftliche Partner.

Die Projektpartner werden markt- und realitätsnahe Modelle für eine integrierte Netzplanung entwickeln, die von Anfang an die unterschiedlichen Energieträger Fernwärme, Gas und Strom zusammendenken. Der zentrale Fokus liegt auf der Versorgung mit Erneuerbaren Energien, auch unter Berücksichtigung neuer Herausforderungen wie der Bereitstellung von Wasserstoff für Verkehr und Industrie. Erprobt wird beispielsweise, wie ein Wasserstoffnetz an die Stadt Hamburg angebunden und wie die weitere Verteilung gestaltet werden kann. Auch Power-to-Heat und Power-to-Gas-Lösungen sowie saisonale Aquiferspeicher sollen bei der Planung eines nachhaltigen Energienetzes stärker miteinbezogen werden.

Neben der Wirtschaftlichkeit sind Versorgungssicherheit und Netzstabilität oberste Ziele, denn auch in Zukunft soll eine zuverlässige Versorgung aller Kunden gewährleistet werden. Dann aber überwiegend mit „grüner Energie“ für die Industriemetropole Hamburg. Die Projektpartner erarbeiten in den kommenden fünf Jahren einen Fahrplan, sowie die erforderlichen Werkzeuge, um die Energienetze für eine klimaneutrale Energieversorgung in 2050 zu transformieren. Gegenstand der Untersuchung ist dabei auch immer die Frage, inwieweit ein paralleler Ausbau der Netze in dem betreffenden Stadtteil erforderlich ist, oder ob die Errichtung einer Anlage vor Ort zur Sektorenkopplung eine wirtschaftlichere Alternative ist. Dies könnte sich bei den Kunden positiv auf die künftigen Netzentgelte auswirken.

Jens Kerstan, Senator für Umwelt, Klima und Energie: „Die Energiewende im Norden schaffen wir nur, wenn wir regenerativ erzeugten Strom auch in anderen Sektoren wie Verkehr und Industrie nutzen, um Erdgas und Erdöl zu ersetzen und den Kohleausstieg zu vollenden. Grüner Wasserstoff wird hierbei eine zentrale Rolle spielen. Die Metropolregion Hamburg ist aufgrund des großen Potenzials der Windkraft und der bereits heute existierenden Expertise im Umgang mit Wasserstoff ein idealer Standort für die Wasserstoffproduktion. Im Verbund mit den anderen norddeutschen Ländern will Hamburg die Standortvorteile der Region nutzen und den Aufbau einer grünen Wasserstoffwirtschaft in den nächsten Jahren zügig voranbringen. Ich freue mich, dass unsere städtischen Leitungsunternehmen ihre Expertise und Potenziale hierzu bündeln und sich am Reallabor beteiligen. Es soll erprobt werden, wie ein Wasserstoffnetz an die Stadt angebunden und wie die Verteilung funktionieren kann. Auch Power-to-Heat und Power-to-Gas-Lösungen sowie saisonale Aquiferspeicher können hier eine Rolle spielen. Ein Gelingen ist von großer Bedeutung für den Klimaschutz. Hamburg ist schon jetzt ein Innovationstreiber und will auch weiter zu den Taktgebern der Energiewende und der Wärmewende gehören.“

Christian Heine, Geschäftsführer der Wärme Hamburg: „Eine frühzeitig aufeinander abgestimmte Maßnahmenplanung zum Netzausbau und der Modernisierung der Infrastrukturen Strom, Gas und Wärme garantiert eine zuverlässige Versorgung des Hamburger Stadtgebiets mit erneuerbarer Energie. Das ist die entscheidende Grundlage zur Erreichung des Langfristziels Klimaneutralität, schafft die Voraussetzung, dass auch unter volkswirtschaftlicher Betrachtung in unserem industriell geprägten großstädtischen Umfeld die richtigen und zukunftsweisenden Strukturen entstehen und ist der Grund dafür, warum sich die Wärme Hamburg hier engagiert.“

Udo Bottlaender, Geschäftsführer der Gasnetz Hamburg: „Mit der gemeinsamen Entwicklung unserer Energienetze schaffen wir eine zentrale Voraussetzung für den Klimaschutz. Damit Gas, Strom und Wärme künftig optimal zusammenwirken können, wird die integrierte Planung die Basis für ein Energiesystem der Zukunft schaffen, in der Energie für Hamburg stets in der gerade benötigten Form bereitsteht. Das schafft immense Vorteile für unsere Industrie und für die Bürgerinnen und Bürger unserer Stadt – vor allem aber profitiert das Klima.“

Thomas Volk, Geschäftsführer der Stromnetz Hamburg ergänzt: „Eine integrierte Netzplanung für die Sektoren Gas, Strom und Wärme ermöglicht allen Beteiligten eine ressourcenschonende Anpassung ihrer Netze an geänderte Bedarfe unserer Kundinnen und Kunden. Hier findet erstmalig eine Sektorenkopplung im industriellen Maßstab statt. Die Netzanpassung und damit verbundene Investitionsplanung unserer Häuser ermöglicht langfristig eine deutliche Senkung des CO2-Ausstoßes bis 2030 und damit die Einhaltung des Hamburger Klimaplans.“

Mit der Teilnahme am Reallabor leisten die städtischen Netzgesellschaften auch einen Beitrag für andere Metropolen. Mit den zu erwartenden Ergebnissen des Forschungsprojektes können künftig auch andere Städte die Zusammenarbeit ihrer Leitungsnetzbetreiber optimieren. Über die Bewilligung der Anträge wird voraussichtlich bis Ende November entschieden. Bei einer Förderzusage ist der Projektstart für April 2021 vorgesehen.

Das Norddeutsche Reallabor löst das bis Ende 2020 laufende Großprojekt NEW 4.0 – Norddeutsche EnergieWende ab. Mit den geplanten Vorhaben könnten rund 560.000 Tonnen CO2-Emissionen pro Jahr eingespart werden. Es handelt sich um ein länderübergreifendes Projekt, das die schnelle Dekarbonisierung aller Verbrauchssektoren demonstrieren soll. Es umfasst die Bundesländer Hamburg, Schleswig-Holstein und das westliche Mecklenburg-Vorpommern. Die Energiewendeallianz besteht aus 18 Verwertungspartnern und 30 weiteren Partnern aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik, die die gesamte Energie-Wertschöpfungskette abbilden. Das Bundeswirtschaftsministerium fördert im Rahmen seines Ideenwettbewerbs bundesweit 20 "Reallabore der Energiewende".